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Ein junger jüdischer Sänger aus einer Postkarte des Kunstverlags Phönix Leo Winz, Berlin, ca. 1910; Fotografie 13,9 x 8,9 cm;  Jüdisches Museum Berlin, Inventar-Nummer 2000/53/47; Repro: Birgit Maurer-Porat

yidishkeyt

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Kultur


Die yidishe Kultur entwickelte sich in den fast 1000 Jahren der Existenz einer yidish-sprachigen Bevölkerung, beginnend von den Anfängen in Süddeutschland über die Auswanderung nach Mittelosteuropa bis hin zu den heutigen Siedlungsgebieten.


Literatur begann sich schon früh über die Lektüre und Übersetzung der hebräischen Bibel hinaus weiter zu entwickeln. Erste nichtreligiöse Büche gab es bereits ab ca. 1500. Ab dem 19. Jahrhundert entstand eine Blüte der yidishen Literatur in Mittelosteuropa (v.a. Warschau und Wilna), aber auch in New York. Gekrönt wurde die hoch stehende und produktive yidishe Weltliteratur durch den Literaturnobelpreis für Isaac Bashevis Singer 1978. Durch die immer geringer werdende Anzahl yidisher Muttersprachler*innen nimmt die einst starke Literaturproduktion massiv ab.


Presse / Medien: Noch vor 80 Jahren gab es etwa 100 yidish-sprachige Zeitungen, Zeitschriften und Radioprogramme, siehe  dazu z.B. den Artikel „Newspapers and Periodicals“ in der „YIVO Encyclopaedia of Jews in Eastern Europe“.

Diese Publikationen und Programme vertraten alle Arten weltanschaulicher, politischer, religiöser und nichtreligiöser Weltanschauungen. Bis in die Gegenwart hinein (2017) haben die meisten mangels Leser- und Hörerschaft ihr Erscheinen eingestellt.



Theater: Im jüdischen Festtagszyklus gibt es seit alters her theatralische und karnevaleske

Elemente, zum Beispiel beim Purim-Fest. So entwickelt der yidishe Kulturkreis in  

Jahrhunderten das so genannte purimshpil. Zu diesem Anlass wurde die alttestamen-

tarische Ester-Geschichte über die Errettung der jüdischen Bevölkerung im persischen Reich des

Xerxes nachgespielt. Gleichzeitig wurden bei den Purimspielen auch die führenden Männer

der Synagogengemeinden kritisch aufs Korn genommen. Im 19. Jahrhundert boomte das

yidishe Theater, abzulesen an der Existenz von 19 yidishen Amateurtheatern in und um

Warschau. Um 1900 wurden yidishe Theater auch in Westeuropa und in den USA gegründet.

Die Produktion und Aufführung yidisher Theaterstücke, Operetten und Musicals erlebte eine

Blütezeit in den 1920ern und 1930ern und selbst unter der Nazi-Herrschaft waren vielerorts

Gettotheater in Betrieb. Noch heute bestehen einzelne yidishe Theater in Warschau,

Bukarest, Montreal, Tel Aviv und drei in New York.



Film: Aus der yidishen Theater- und Musikkultur heraus entwickelte sich ab den 1920ern in Europa und zwischen 1930 und 1950 in den USA eine lebendige yidishe Filmszene mit fast 200 Produktionen. Heutzutage gibt es nur noch wenige yidishe Filme, in über 150 internationalen Filmen gibt es allerdings yidishe Dialogsequenzen.


Musik: In den Synagogen spielen die Rezitation der in den hebräischen und aramäischen Sprachen abgefassten Torá und der Kantorengesang eine große Rolle. Außerhalb der Gottesdienste traten yidishe Musikgruppen, die klezmorim,

bei jüdischen und vermehrt auch nichtjüdischen Hochzeiten, Festen und Konzerten auf und sorgten so für den Broterwerb für unzählige Familien. Die starke Verbreitung und auch Regelung des Berufsstands der klezmorim ist bereits seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar.


Wie die yidishe Sprache nahm auch die yidishe Musik viele Elemente aus der Musik der Nachbarvölker auf. Unter dem Begriff Klezmer erfuhr die yidishe Musik in den USA etwa ab 1900 einen großen Aufschwung und ging vielfältige musikalische Verbindungen ein, so zum Swing oder Jazz. Nach dem 2. Weltkrieg verbreiteten sich yidishe Musik- und Musicalproduktionen wie zum Beispiel „The fiddler on the roof“ bzw. „Anatevka“ über den ganzen Globus. Nach wie vor erfreuen sich Klezmermusiker wie Giora Feidman großer Beliebtheit und es gibt noch immer viele Fansder klezmer-Musik, auch weit über den Kreis der yidish-stämmigen Menschen hinaus. Siehe auch Musik-Artikel unter https://de.wikipedia.org/wiki/Jiddisch


Jiddische Lieder gibt es auf vielen Tonträgern. Zahlreiche Lieder, die heute als Volksliedern gelten, wurden in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für das jiddische Theater geschrieben. Zu den Liedarten und bekannten Interpreten siehe auch unter Klezmer. In den letzten Jahrzehnten erlebten Klezmer-Musik und andere traditionelle jüdische oder jiddische Musik eine Renaissance. In jüngerer Zeit erlangte der Klezmer, beeinflusst von Jazz und anderen Musikrichtungen, mit Bands wie The Klezmatics auch eine moderne Spielart. Auch abseits des Klezmer brachte der spielerische Umgang mit dem umfangreichen Erbe jüdischer (und jiddischer) Musik- und Gesangstradition mitunter kuriose Ergebnisse hervor, wie etwa die Veröffentlichungen des kanadischen Produzenten und DJs socalled zeigen, der unter anderem Hip Hop-Versionen traditioneller Lieder mit bekannten jüdischen Musikern der Gegenwart, darunter der Sänger Theodore Bikel, neu eingespielt hat. Die Berliner Schauspielerin und Sängerin Sharon Brauner und der Berliner Bassist und Produzent Daniel Zenke (Lounge Jewels: Yiddish Evergreens) hüllten jiddische Evergreens in ein modernes musikalisches Gewand und würzten die Lieder mit Swing, Jazz und Pop sowie mit Balkan-Polka, Arabesken, südamerikanischen Rhythmen, mit Reggae, Walzer-, Tango- und sogar Countryelementen. Im israelischen Tel Aviv gibt es sogar jiddischen Hip Hop und Punk.

Purim-Feiernde

Kostümierte Purim-Feiernde.

Druck aus dem

Philologus Hebraeo-Mixtus,

Holland, 1657

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